Selim Özdogan: Oben auf dem Dach (Auszug)


Wenn du 25 Stockwerke hochsteigst, um die Aussicht zu bewundern, dann redest du dir oben nicht den Mund fusselig. Dann schaust du hin, du schaust genau hin. Und trotzdem verpasst du jedes Mal den Zeitpunkt, an dem der Grauschleier am Horizont auftaucht wie eine Ankündigung. Heute war es die Ankündigung, daß bald der Himmel in Blut getaucht sein würde und wir ließen die Farben in uns hineinfließen. Was hatten wir auch Besseres zu tun?

Doch an dem Morgen war irgend etwas anders als sonst. Vielleicht war es, weil ich gelaufen war und dann auf einmal alles von selbst passierte. Vielleicht waren die Götter uns gnädig. Vielleicht hatten wir wenig genug geredet. Vielleicht gab es auch einfach keinen Grund.

Wir stiegen die Stufen runter, sieben Menschen an einem Sonntag morgen, wir stiegen die Stufen herunter und vielleicht waren unsere Schritte synchron, ich habe nicht darauf geachtet, aber sie waren weich und federnd.

Manchmal öffnet Bewegung einen Raum. Du streitest dich mit jemanden und gehst dann genervt zum Basketballspielen. Irgendwann tun die Hände, was sie sollen, die Füße tun, was sie sollen, dein Herz, deine Lunge, alles erfüllt seine Aufgabe, alles funktioniert ohne einen Umweg über den Kopf  und plötzlich lösen sich dein Ärger und deine Wut einfach auf. Die Erregung verpufft in diesem Raum, der sich geöffnet hat.

Oder du kommst gut gelaunt zum Fußball und nachdem ein Gegenspieler dich zum dritten Mal umgenietet hat, bricht ein Zorn aus dir hervor, von dem du nicht mal ahnst, wo er herkommt.

Die Bewegung öffnet einen Raum und dort verschwinden manche Sachen und andere tauchen einfach auf. Die Bewegung öffnet einen Raum, das wissen auch die Yogis, die versuchen sich in diesem Raum hineinzudehnen und sich dann darin aufzulösen. So habe ich es zumindest immer verstanden.

Wir stiegen die Treppen hinab im Licht des neuen Tages, wir stiegen die Treppen herab ohne ein Wort und als wir unten ankamen, blieben wir stehen und sahen uns an.

Wir waren alle gemeinsam in diesem Raum. Der Weg hinauf hatte uns aufs Dach geführt. Und der Weg hinab auf irgendeine Weise aus der Welt hinaus. Wir sahen uns an und ich glaube, keiner wagte zu atmen. Wenn die ganze Nacht lang Magie durch deine Augen in dein Inneres gekommen ist, dann kann man sich vielleicht einfach 25 Stockwerke tiefer bewegen und ist in der Magie drin. Für wenige Sekunden schwang etwas, das uns zusammenhielt. Alle.

Und dann brach es. Niemand könnte erklären warum, aber einer nach dem anderen verschwand aus dem Raum, so wie Lichter in Fenster einfach ausgehen. Zuletzt waren nur noch Treya und ich übrig.

Klar, ihr könnt jetzt glauben, daß das alles Unsinn ist, was ich hier erzähle, Schwingungen, Magie und Räume, die sich öffnen und so. Aber anders kann ich es mir nicht erklären. Oder versteht jemand von euch, warum ich mich auf einmal so warm und glücklich fühlte, als hätte mir ein Engel ins Herz gepißt.

Es geschah plötzlich, so wie man sich manchmal daran erinnert, wo man seinen Schlüssel hingelegt hatte, den man schon seit zehn Minuten sucht. Auf einmal weißt du es.

In dem Moment, in dem nur wir beide in dem Raum waren, wußte ich mit einem mal, daß das klappen würde mit Treya und mir.

Mi, 08.09.10, 20 Uhr, in der Werkstatt der Kulturen

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