freitext Editorial: bewohner innen

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In diese Welt geworfen, versuchte ich, sie mir häuslich einzurichten, sie bewohnbar zu machen. Ich wohnte in Städten und auf dem Land, schlief auf Rückbänken von Autos und auf Wartesitzen – aus Metall oder Plastik – in Bahnhöfen und Flughäfen. Was ich, rastlos, nicht fand, versuchte ich in Worten zu finden. Ich dichtete das verheißene Land. Ich bin noch nicht fertig.
Als ich erschöpft war von Stadt und Dorf, von Zugfahrt und Flugzeug, verfolgt von Blicken und Gerede, zog ich ins Internet, verbrachte viel Zeit in Foren, nannte flüchtige Bekannte »siblings« und »friends«, trat Gruppen bei, gründete Netzwerke. Das machte es etwas leichter. Und doch ist das Bewohnbar-machen der Welt eng verknüpft mit Heimisch-machen. Heimisch auf der einen Seite zeugt auch von der anderen, fremden Seite. Notwendigerweise?

Wir zweifeln und andere mit uns, dass diese Welt notwendig in heimisch/fremd aufgeteilt sein muss. Was uns als fremd gilt, sind oft Nachbarn und Nachbarn doch auch oft fremd. Woran messen wir, was uns verbindet oder trennt?

Wir hauen ab vor Realitäten, wir hauen ab vor etwas, das es nicht gibt.
Konstruktionen en masse, wir können alles selber machen, keine Opfer der Globalisierung, Entfremdung der Natur und Politik, bestimmen wir selber, was bewohnbar ist und was nicht. Die einzigen Nichtorte sind wir selbst.
Aus diesem Nichtort höre ich die Bewohnerinnen schreien: dies ist unser Ort! Wir beanspruchen diesen Ort! Wir sind die Bewohnerinnen. Wenn ihr uns verdrängen wollt, werden wir ihn nicht kampflos übergeben! Inmitten des Geschreis finde ich mich selbst, finde Ruhe, finde Worte, die die Ent-fremd-ung wieder zur Menschlichkeit führen.

(Und wer furzet ist nicht leer, / dru m furzt man gerne sehr.)

Die Redaktion (freitext)

 

Die Autor/innen Marianna Salzmann, Daniela Janjic, Olga Grjasnowa, Georgia Doll, Mutlu Ergün und Deniz Utlu stellten ihre Gagen für die tausend worte tief- Lesung zur Launch der letzten freitext Ausgabe »Bis hierher lief’s noch ganz gut« in der Werkstatt der Kulturen in Berlin am 14. April 2010 dem Druck der aktuellen Ausgabe zur Verfügung. Herzlichen Dank hierfür.

 

Inhalt:

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